03.08.2026

Bildungs- und Erziehungspartnerschaft als Schlüssel zu mehr Chancengerechtigkeit

Annegret Neugschwender, Vorsitzende des LEA RLP, stellt die Ergebnisse der landesweiten Elternbefragung vor.

Bildungs- und Erziehungspartnerschaft als Schlüssel zu mehr Chancengerechtigkeit

Am 30. Juni 2026 veranstaltete das Bundesforum Familie einen Impulsworkshop zum Thema „Bildungs- und Erziehungspartnerschaft: Schlüssel zu mehr Chancengerechtigkeit?“. Rund 45 Teilnehmende aus Mitgliedsorganisationen des Bundesforums diskutierten über die Bedeutung von Partnerschaften zwischen Eltern und Bildungseinrichtungen in der frühen Bildung. Im Mittelpunkt standen dabei die Fragen, wie Bildungsgerechtigkeit durch Beteiligung von Eltern erreicht werden kann und welche Rolle Haltung, Vernetzung und kommunale Strukturen dabei spielen.

Partnerschaft auf Augenhöhe: Grundvoraussetzung für Bildungsgerechtigkeit

Familien sind die ersten Bildungsorte für Kinder – und ihre Expertise muss ernst genommen werden. Dies war die zentrale Botschaft des Workshops. Eine gelingende Bildungs- und Erziehungspartnerschaft basiert auf gegenseitigem Vertrauen, Transparenz und einer wertschätzenden Haltung. Nur so kann das gemeinsame Ziel erreicht werden: das Kind bestmöglich zu begleiten.

„Chancengerechte Bildung braucht Beteiligungsgerechtigkeit“, betonte Franziska Oelkers vom Bundesforum in ihrer Begrüßung. Damit alle Familien ihre Kinder in der Kita gut begleiten können, müssten Beteiligungsangebote an ihre unterschiedlichen Lebenslagen angepasst werden. Eltern sind dabei nicht nur Adressat*innen pädagogischer Arbeit, sondern wichtige Mitgestalter*innen von Bildungsqualität. Ihre Beteiligung sollte daher als selbstverständlicher Bestandteil guter pädagogischer Arbeit verstanden werden – und nicht als zusätzliche Aufgabe.

Ein zentraler Punkt war die Bedeutung der Haltung von Fachkräften, Leitungen und Trägern. Familien müssen willkommen geheißen, Vielfalt wertgeschätzt und Vertrauen aufgebaut werden. Gleichzeitig braucht die Entwicklung einer solchen Haltung Zeit, Reflexion und Ressourcen für Fortbildungen.

Annegret Neugschwender: Vier Thesen für eine wirksame Elternmitwirkung

Annegret Neugschwender, Vorsitzende des Landeselternausschusses der Kindertagesstätten in Rheinland-Pfalz (LEA RLP), beleuchtete die Perspektive der Eltern und präsentierte Ergebnisse einer landesweiten Befragung mit 1.257 Teilnehmenden. Ziel war es, den Zusammenhang zwischen Elternmitwirkung und Kita-Qualität zu untersuchen. Dabei stellte sie vier zentrale Thesen für eine wirksame Bildungs- und Erziehungspartnerschaft vor:

1. Bildungsgerechtigkeit braucht Beteiligungsgerechtigkeit

Neugschwender betonte, dass es nicht ausreiche, Eltern zu erreichen. Entscheidend sei, was danach passiert. Häufig erlebten Eltern eine „Pseudobeteiligung“, in der ihre Anliegen keine Wirkung zeigten. Eine Partnerschaft entstehe erst, wenn Eltern erleben, dass ihre Perspektive zählt und ihre Anliegen etwas bewirken. Dies sei besonders wichtig, um einer Radikalisierung von Eltern entgegenzuwirken, die sich von der Kita nicht gehört fühlen.

2. Eltern sind Qualitätsakteur*innen

Eltern bringen wertvolle Erfahrungen aus ihrem Familienalltag mit und sind Mitgestalter*innen von Qualität. Ihre Mitwirkung sollte daher nicht als zusätzliches Angebot, sondern als Ressource für die Qualitätsentwicklung verstanden werden. „Elternmitwirkung ist kein zusätzliches Angebot, sondern eine Ressource für die Qualitätsentwicklung“, so Neugschwender.

3. Besonders benachteiligte Familien brauchen mehr Mitsprache

Es sei wichtig, benachteiligte Familien einzubeziehen. Beteiligungsgerechtigkeit bedeute nicht, allen die gleichen Angebote zu machen, sondern Ungleiches ungleich zu behandeln. Wer mehr Hürden überwinden muss, brauche mehr Unterstützung beim Zugang. Wer wenig Gehör findet, brauche mehr Möglichkeiten, die eigene Stimme einzubringen.

4. Vernetzung braucht Augenhöhe

Durch die Vernetzung von Familien, Kita und Kommune könne mehr Bildungsgerechtigkeit erreicht werden. Allerdings reiche Vernetzung allein nicht aus. Netzwerke seien oft hierarchisch aufgebaut, und das System Kita sei von Machtungleichgewichten geprägt. Eine echte Partnerschaft entstehe erst, wenn alle Akteur*innen als gleichwertige Partner*innen behandelt werden und bestehende Machtgefälle gemeinsam gestaltet werden.

In der Diskussion wurde hervorgehoben, dass Elternbeteiligung nicht in einem „Kuchenkomitee“ enden dürfe. Stattdessen müsse eine Mitentscheidungskultur geschaffen werden, in der Eltern als gleichberechtigte Partner*innen wahrgenommen werden. Besonders wichtig sei es, Machtgefälle zu thematisieren und gemeinsam zu gestalten. Eine Teilnehmerin verwies darauf, dass Institutionen und Familien gemeinsam wachsen können – wenn die Haltung stimmt.

Praxisbeispiel: Die Kita am Sommerbad zeigt, wie es geht

Stephanie Schaar und Mandy Winter, Leitungsteam der Kita am Sommerbad in Greiz (Thüringen), stellten ihr preisgekröntes Konzept vor. Die Kita wurde 2024 mit dem zweiten Platz des Deutschen Kita-Preises ausgezeichnet. Trotz beengter räumlicher Verhältnisse und einer 50 Jahre alten Einrichtung setzen sie auf eine starke Sozialraumorientierung und eine Kultur der Willkommenskultur.

Zu den Gelingensbedingungen gehören:

  • Multiprofessionalität im Team und externe Fachberatung
  • Niedrigschwellige Angebote wie ein Informationstresen für Eltern, Krabbelgruppen und regelmäßige Veranstaltungen (z.B. Spinncafé, Familienkino, Yoga)
  • Flexible Strukturen, die Eltern einladen, länger in der Kita zu verweilen und am Gemeinschaftsleben teilzuhaben
  • Projektarbeit, die trotz knapper Ressourcen innovative Ansätze ermöglicht

In der Diskussion wurde hervorgehoben, dass eine solche Haltung ein starkes Leitungsteam und ein engagiertes Team erfordert. Wichtig sei, von der Haltung „Das haben wir schon immer so gemacht“ abzurücken und stattdessen den Blick auf das Kind und die Anerkennung der Eltern als Erziehungspartner*innen zu richten.

Mitwirkungskultur braucht Zeit, Ressourcen und eine neue Haltung

Am Ende des Workshops wurden zentrale Schlussfolgerungen gezogen:

  • Eltern wollen das Beste für ihre Kinder, aber die Infrastruktur ist oft prekär und wird gekürzt.
  • Mitwirkungskultur gibt einer Einrichtung etwas Positives und verbessert die Atmosphäre. Sie benötigt jedoch Zeit, Know-how und Ressourcen – bringt aber einen „Return on Investment“.
  • Familienbildung sollte bereits vor dem Eintritt in die Kita unterstützt werden. Die Kita kann als Familienbildungsstätte fungieren.
  • Bedarfsorientierte Steuerung ist ohne Projektmittel kaum leistbar. Gleichzeitig ziehen sich Kommunen aus Programmen der Familienbildung zurück.
  • Haltung ist ein Schlüsselmoment, aber keine Selbstverständlichkeit. Sie entwickelt sich durch Erfahrung, Supervision und Reflexion.

Franziska Oelkers betonte, dass Familienbildung ein wichtiger Punkt in der aktuellen Themenperiode des Bundesforums sein werde. Es gelte, Träger und Kommunen von der Bedeutung einer bedarfsorientierten Steuerung zu überzeugen und die Verantwortung der Träger zu schärfen. Gleichzeitig müsse die Professionalisierung bei Förderanträgen vorangetrieben werden, um Kitas zu entlasten.

Ausblick: Mehrsprachigkeit und weitere Termine

Der nächste Impulsworkshop des Bundesforums findet am 17. September 2026 zum Thema „Sprachenvielfalt als Stärke: Mehrsprachigkeit in Familien und Kindertagesbetreuung“ statt.

Weitere Informationen gibt es hier: Dokumentation des Impulsworkshops am 30. Juni 2026 „Bildungs- und Erziehungspartnerschaft: Schlüssel zu mehr Chancengerechtigkeit?“

Verfasst von bevki-Geschäftsstelle

Mit Hilfe von KI generiert.