23.09.2026

Wie verbessern wir die frühe Sprachbildung?

Das 15. Plenum Frühpädagogik trägt Antworten zusammen. Bundeselternsprecher Sascha Mößner war für die bevki dabei.

Wie verbessern wir die frühe Sprachbildung?

Frühkindliche Bildung als Schlüssel für Chancengerechtigkeit

Die Veranstaltung widmete sich der Frage, wie die frühkindliche Bildung in Deutschland weiterentwickelt werden kann, um allen Kindern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft bessere Bildungs- und Entwicklungschancen zu ermöglichen. Im Mittelpunkt standen die Herausforderungen im Kita-System, die Bedeutung der Sprachförderung sowie die politischen Vorhaben zur Qualitätsentwicklung in Kindertageseinrichtungen.

Zu Beginn wurde auf die Analysen des Soziologen Aladin El-Mafaalani Bezug genommen. Er vertritt die Auffassung, dass Bildungsungleichheiten deutlich früher entstehen als häufig angenommen. Probleme, die später in der Schule sichtbar werden, haben ihren Ursprung oftmals bereits in den ersten Lebensjahren. Deshalb müsse der Blick stärker auf die frühkindliche Bildung gerichtet werden.

Besonders hervorgehoben wurde die Beobachtung, dass Sprachförderung, Bildung und familiäre Unterstützung häufig nicht ausreichend miteinander verzahnt sind. Kinder aus sozial benachteiligten Familien oder Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf hätten dadurch oftmals schlechtere Startbedingungen. Darüber hinaus wurde darauf hingewiesen, dass die verschiedenen Akteure des Bildungs- und Hilfesystems bislang nicht immer eng genug zusammenarbeiten.

Gleichzeitig wurde kritisch angemerkt, dass in den vergangenen Jahren zwar erhebliche finanzielle Mittel in das Kita-System investiert wurden, dies aber nicht automatisch zu einer entsprechenden Verbesserung der pädagogischen Qualität geführt habe. Dabei wurde betont, dass ein großer Teil der zusätzlichen Mittel für Tarifsteigerungen, den Ausbau von Betreuungsplätzen und die Erweiterung des Systems verwendet wurde. Die tatsächlichen Auswirkungen auf Struktur-, Prozess- und Bildungsqualität müssten daher differenziert betrachtet werden.

Reformbedarf im Bildungssystem

Mehrere Beiträge machten deutlich, dass Deutschland aktuell vor einer wichtigen Reformphase steht. Es wurde von einem „Gelegenheitsfenster“ gesprochen, das genutzt werden müsse, um nachhaltige Verbesserungen im Bereich der frühkindlichen Bildung zu erreichen.

Besondere Sorge bereitet die Tatsache, dass je nach Bundesland zwischen 30 und 40 Prozent der Kinder beim Übergang in die Schule nicht über ausreichende sprachliche und grundlegende Kompetenzen verfügen. Dadurch übernehmen Schulen zunehmend Aufgaben, die bereits vor dem Schuleintritt hätten aufgefangen werden müssen.

Die Diskussionsteilnehmenden waren sich einig, dass eine erfolgreiche Bildungsbiografie nicht erst in der Schule beginnt, sondern bereits in den ersten Lebensjahren. Deshalb müsse die Zusammenarbeit zwischen Kitas, Schulen, Wissenschaft, Trägern, Kommunen sowie den politischen Ebenen von Bund und Ländern deutlich gestärkt werden.

Ein zentraler Bestandteil der Veranstaltung war der Redebeitrag von Jasmina Hostert, MdB, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion.

Sie erinnerte daran, dass sich die frühkindliche Bildung in den vergangenen 15 Jahren erheblich weiterentwickelt habe. Während Kitas früher häufig vor allem als Betreuungseinrichtungen wahrgenommen wurden, würden sie heute zunehmend als wichtige Bildungsorte verstanden. Diese Entwicklung bezeichnete sie als einen bedeutenden Fortschritt für die gesellschaftliche Anerkennung frühpädagogischer Arbeit.

Anhand ihrer persönlichen Biografie schilderte Jasmina Hostert ihre Erfahrungen als Kind mit Fluchtgeschichte. Sie kam ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland und berichtete eindrücklich, wie wichtig frühe Sprachförderung für die gesellschaftliche Teilhabe und den Bildungserfolg sei. Kinder hätten die besondere Fähigkeit, Sprache spielerisch und schnell zu erlernen. Gerade deshalb müsse frühzeitige Unterstützung konsequent gefördert werden.

Sie betonte, dass Deutschland die Herausforderungen, die mit Migration und Flucht verbunden sind, nicht ignorieren dürfe. Vielmehr seien gezielte Investitionen notwendig, damit Familien gute Integrations- und Bildungschancen erhalten. Entscheidend sei dabei das Erlernen der deutschen Sprache bereits im frühen Kindesalter.

Die Bedeutung der ersten Bildungsjahre

Im weiteren Verlauf machte Jasmina Hostert deutlich, dass die ersten zehn Lebensjahre eine entscheidende Phase für die Entwicklung von Kindern darstellen. Versäumnisse in dieser Zeit könnten später häufig nur mit großem Aufwand ausgeglichen werden.

Deshalb plädierte sie dafür, frühkindliche Bildung als gesellschaftliche Zukunftsinvestition zu betrachten. Investitionen in Sprachförderung, pädagogische Qualität und Bildungsgerechtigkeit würden sich langfristig auszahlen und spätere Folgekosten reduzieren.

Das Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz

Ein weiterer Schwerpunkt der Veranstaltung war das geplante Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz für Kitas (SCQEG).

Jasmina Hostert erläuterte, dass das Gesetz verschiedene bestehende Förderinstrumente zusammenführen und gezielt weiterentwickeln soll. Im Mittelpunkt stehen dabei:

  • die Verbesserung der Bildungsqualität,
  • die Stärkung der Sprachförderung,
  • die Förderung benachteiligter Kinder,
  • die gezielte Unterstützung von Einrichtungen mit besonderen Herausforderungen.

Für diese Maßnahmen sollen Bundesmittel in Höhe von rund 9,25 Milliarden Euro zur Verfügung stehen.

Hostert erklärte, dass sie sich grundsätzlich höhere Investitionen gewünscht hätte, gleichzeitig aber froh sei, dass erhebliche Mittel für den Bereich frühkindliche Bildung bereitgestellt werden. Entscheidend sei nun, diese Gelder wirksam und zielgerichtet einzusetzen.

Herausforderungen bei der Umsetzung

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Umsetzung des Gesetzes nur im engen Austausch mit der Praxis gelingen kann.

Dabei wurden mehrere Schwerpunkte benannt:

Praxisnahe Regelungen

Fachkräfte und Träger müssten stärker in die Ausgestaltung einbezogen werden. Gesetzliche Vorgaben sollten praktikabel sein und die tatsächlichen Bedingungen in den Einrichtungen berücksichtigen.

Weniger Bürokratie

Mehrere Teilnehmende warnten davor, zusätzliche Dokumentations- und Nachweispflichten zu schaffen. Pädagogische Fachkräfte sollten möglichst viel Zeit für die Arbeit mit den Kindern haben und nicht durch Bürokratie belastet werden.

Zusammenarbeit von Bund und Ländern

Da die Länder im Bildungsbereich eine zentrale Rolle spielen, sei eine enge Abstimmung erforderlich. Das Gesetz ist zustimmungspflichtig und benötigt die Unterstützung der Bundesländer. Unterschiedliche Rahmenbedingungen in den einzelnen Ländern müssten dabei berücksichtigt werden.

Flexible Umsetzung

Die Situation in den Bundesländern unterscheidet sich erheblich. Deshalb brauche es gemeinsame Qualitätsziele, gleichzeitig aber genügend Spielraum für regionale und kommunale Lösungen.

Generationengerechtigkeit und Bildungspolitik

Ein weiterer Diskussionspunkt war die Generationengerechtigkeit. Jasmina Hostert betonte, dass die Interessen von Kindern und Jugendlichen oft weniger sichtbar seien als die anderer gesellschaftlicher Gruppen. Deshalb brauche es eine starke Lobby für junge Menschen.

Gleichzeitig sprach sie sich gegen einen Konflikt zwischen den Generationen aus. Die eigentlichen Herausforderungen lägen nicht im Gegensatz von Jung und Alt, sondern vor allem in den ungleichen Bildungschancen von Kindern aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen.

Bildungspolitik müsse deshalb Chancenungleichheiten abbauen und allen Kindern die Möglichkeit geben, ihr Potenzial auszuschöpfen.

Die Veranstaltung verdeutlichte die zentrale Bedeutung der frühkindlichen Bildung für Chancengerechtigkeit, Integration und gesellschaftliche Teilhabe. Die Diskussion machte deutlich, dass trotz erheblicher Investitionen weiterhin große Herausforderungen bestehen, insbesondere bei Sprachförderung, Bildungsqualität und sozialer Ungleichheit.

Jasmina Hostert unterstrich die Notwendigkeit, frühkindliche Bildung als langfristige Zukunftsinvestition zu verstehen. Das geplante Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz wird als wichtige Möglichkeit gesehen, die Qualität in Kitas weiter zu verbessern und Kindern unabhängig von ihrer Herkunft bessere Startbedingungen zu ermöglichen.

Einigkeit bestand darin, dass die kommenden Jahre entscheidend sein werden, um Reformen umzusetzen, die Zusammenarbeit aller Beteiligten zu stärken und die frühkindliche Bildung dauerhaft als zentrale Säule des Bildungssystems zu etablieren.

Wissenschaftliche Impulse zur Sprachbildung und Sprachförderung

Im zweiten Teil der Veranstaltung stand die wissenschaftliche Perspektive auf Sprachbildung und Sprachförderung im Mittelpunkt. Die Beiträge von Prof. Dr. Steffi Sachse (Pädagogische Hochschule Heidelberg) und Dr. Nathalie Frey (Universität Paderborn) beschäftigten sich mit der Frage, welche Formen der Sprachförderung nachweislich wirksam sind und warum die Umsetzung dieser Erkenntnisse in der Praxis häufig noch hinter den Möglichkeiten zurückbleibt.

Sprachentwicklung beginnt von Geburt an

Prof. Dr. Steffi Sachse machte deutlich, dass Sprachentwicklung ein hochkomplexer Prozess ist, der bereits in den ersten Lebensmonaten beginnt und eng mit der gesamten kognitiven, sozialen und emotionalen Entwicklung eines Kindes verknüpft ist. Sprache umfasst dabei weit mehr als Wortschatz oder Grammatik. Sie beinhaltet Sprachverständnis, Kommunikationsfähigkeit, Interaktion, Gesprächsführung sowie die Grundlagen für spätere Lese- und Schreibkompetenzen.

Die ersten Lebensjahre stellen dabei ein besonders sensibles Entwicklungsfenster dar, in dem Kinder Sprache besonders schnell erwerben können. Dies gilt auch für mehrsprachig aufwachsende Kinder.
Die Qualität der Interaktion ist entscheidend

Ein zentrales Ergebnis der Forschung besteht darin, dass nicht die Anzahl der gehörten Wörter ausschlaggebend für eine erfolgreiche Sprachentwicklung ist, sondern die Qualität der sprachlichen Interaktionen.

Entscheidend sind vor allem:

  • häufige Gespräche zwischen Kindern und Erwachsenen,
  • wechselseitige Kommunikation,
  • aktives Zuhören,
  • gemeinsame Gespräche über Erlebnisse und Inhalte,
  • sprachliche Anregungen im Alltag.

Besonders wirksam sind Situationen, in denen Kinder selbst aktiv sprechen und an Gesprächen beteiligt werden.

Sprachliche Unterschiede entstehen sehr früh

Die Forschung zeigt, dass sprachliche Unterschiede zwischen Kindern bereits in sehr jungen Jahren sichtbar werden. Häufig stehen diese Unterschiede in engem Zusammenhang mit dem Bildungsniveau der Eltern, den sozialen Lebensbedingungen und den sprachlichen Erfahrungen im familiären Umfeld.

Besonders problematisch ist, dass sich diese Unterschiede im weiteren Bildungsverlauf oft vergrößern. Kinder mit guten sprachlichen Voraussetzungen profitieren meist stärker von Bildungsangeboten, während Kinder mit Förderbedarf zusätzliche Unterstützung benötigen, um ähnliche Entwicklungsschritte zu erreichen.

Unterschiedliche Förderbedarfe

Steffi Sachse unterschied dabei drei Gruppen von Kindern:

Alle Kinder

Alle Kinder benötigen eine qualitativ hochwertige sprachliche Bildung im Alltag der Kindertageseinrichtung.

Kinder mit zusätzlichem Sprachförderbedarf

Ein erheblicher Anteil der Kinder benötigt darüber hinaus gezielte Unterstützung, beispielsweise aufgrund sozialer Benachteiligung, Mehrsprachigkeit oder erschwerter Lernbedingungen.

Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen

Eine kleinere Gruppe weist tatsächliche Sprachentwicklungsstörungen auf und benötigt spezialisierte diagnostische und therapeutische Unterstützung.

Voraussetzung für entsprechende Förderangebote ist stets eine frühzeitige Beobachtung und Diagnostik.

Was die Wirksamkeitsforschung zeigt

Die vorgestellten Studien kommen zu einem klaren Ergebnis: Sprachförderung wirkt dann besonders erfolgreich, wenn sie in den pädagogischen Alltag integriert wird und auf qualitativ hochwertigen Interaktionen basiert.

Positive Effekte zeigen insbesondere:

  • alltagsintegrierte Sprachbildung,
  • sprachförderliche Interaktionen,
  • dialogisches Vorlesen,
  • gezielte Förderung in kleinen Gruppen,
  • fachlich begleitete Fördermaßnahmen.

Beim dialogischen Vorlesen werden Kinder aktiv in das Lesen einbezogen, indem Fragen gestellt, Inhalte besprochen und Gespräche angeregt werden. Zahlreiche Studien zeigen hier positive Auswirkungen auf Wortschatz, Sprachverständnis und grammatische Fähigkeiten.

Grenzen vieler Förderprogramme

Gleichzeitig zeigte die Forschung, dass viele erfolgreiche Modellprojekte ihre Wirkung verlieren, sobald sie flächendeckend eingeführt werden.

Als Gründe wurden genannt:

  • große Kindergruppen,
  • fehlende Zeitressourcen,
  • unzureichende fachliche Begleitung,
  • mangelnde Umsetzungstreue.

Während wissenschaftliche Studien häufig unter idealen Bedingungen durchgeführt werden, sind die Rahmenbedingungen im Alltag vieler Kindertageseinrichtungen deutlich schwieriger. Dadurch lassen sich erfolgreiche Ansätze oftmals nicht ohne Weiteres übertragen.

Die Rolle der Fachkräfte

Im anschließenden Vortrag stellte Dr. Nathalie Frey die Bedeutung der pädagogischen Fachkräfte in den Vordergrund.

Sie betonte, dass wirksame Sprachbildung nicht allein von Förderprogrammen abhängt, sondern vor allem von:

  • fachlichem Wissen,
  • professioneller Haltung,
  • diagnostischer Kompetenz,
  • Reflexionsfähigkeit der Fachkräfte.

Pädagogische Fachkräfte müssen Sprachentwicklung verstehen, Förderbedarfe erkennen und ihr eigenes Handeln regelmäßig reflektieren.

Mehrsprachigkeit als Chance

Ein weiterer Schwerpunkt war der Umgang mit Mehrsprachigkeit.

Dr. Frey stellte Forschungsergebnisse vor, die zeigen, dass die Haltung der Fachkräfte gegenüber Mehrsprachigkeit einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Kinder hat. Werden mehrere Sprachen als Ressource und Bereicherung betrachtet, profitieren die Kinder sowohl sprachlich als auch in ihrer Identitätsentwicklung.
Mehrsprachigkeit sollte deshalb nicht als Defizit, sondern als Potenzial verstanden und aktiv gefördert werden.

Diagnostik und Förderung müssen zusammengehören

Mehrere vorgestellte Projekte verdeutlichten, dass Sprachdiagnostik und Sprachförderung eng miteinander verknüpft werden müssen.

Erfolgreiche Förderung erfolgt in einem kontinuierlichen Kreislauf:

  1. Beobachtung,
  2. Diagnostik,
  3. Förderplanung,
  4. Umsetzung,
  5. Reflexion,
  6. Überprüfung der Fortschritte.

Dabei ist entscheidend, dass Fördermaßnahmen auf die individuellen Bedürfnisse des jeweiligen Kindes abgestimmt werden.

Erfolgreiche Praxisprojekte

Vorgestellt wurden verschiedene wissenschaftlich begleitete Projekte zur Sprachbildung.#

Besonders erfolgreich waren Ansätze, die:

  • dialogisches Vorlesen einsetzten,
  • Kinder aktiv in Gespräche einbezogen,
  • Gestik und Kommunikation miteinander verknüpften,
  • mehrsprachige Ressourcen berücksichtigten,
  • Fachkräfte intensiv qualifizierten und begleiteten.

Die Ergebnisse zeigten sowohl positive Auswirkungen auf die sprachliche Entwicklung der Kinder als auch auf die pädagogische Qualität in den Einrichtungen.

Früher Förderbeginn als zentrale Forderung

Ein besonderer Schwerpunkt des Vortrags von Dr. Nathalie Frey war die Forderung nach einem deutlich früheren Beginn der Sprachförderung.

Sie betonte ausdrücklich, dass ein Förderbeginn im Alter von vier Jahren aus sprachentwicklungswissenschaftlicher Sicht häufig bereits zu spät ist. Die entscheidenden Grundlagen für den Spracherwerb würden bereits wesentlich früher gelegt.

Nach Auffassung von Dr. Frey muss Sprachbildung deshalb bereits in den Krippenjahren beginnen. Sprachbeobachtung, Sprachdiagnostik und alltagsintegrierte Sprachförderung sollten von Beginn an Bestandteil pädagogischer Arbeit sein.

Insbesondere Kinder aus sozial benachteiligten Familien, Kinder mit Mehrsprachigkeit sowie Kinder mit sprachlichen Auffälligkeiten profitieren von einer frühen Unterstützung. Investitionen in die Sprachbildung von Kindern unter drei Jahren gelten daher als besonders wirksamer Ansatz zur Verbesserung von Bildungschancen und zur Verringerung späterer Bildungsungleichheiten.

Die wissenschaftlichen Beiträge von Prof. Dr. Steffi Sachse und Dr. Nathalie Frey machten deutlich, dass heute umfangreiche Erkenntnisse darüber vorliegen, wie erfolgreiche Sprachbildung gestaltet werden kann. Entscheidend sind qualitativ hochwertige sprachliche Interaktionen, gut qualifizierte Fachkräfte, eine systematische Diagnostik sowie eine passgenaue Förderung im Alltag der Kindertageseinrichtungen.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass die größte Herausforderung nicht mehr in der Entwicklung neuer Konzepte liegt, sondern in der konsequenten Umsetzung wissenschaftlich gesicherter Erkenntnisse in der Praxis.

Als zentrale Botschaft des Vortragsblocks formulierte insbesondere Dr. Nathalie Frey, dass Sprachförderung nicht erst im Kindergartenalter mit 4 Jahren beginnen darf. Erfolgreiche Sprachbildung beginnt bereits in den ersten Lebensjahren. Deshalb müssen Sprachbeobachtung, Sprachförderung und Unterstützung von Kindern bereits in den Krippenjahren systematisch verankert werden, um allen Kindern bestmögliche Entwicklungs- und Bildungschancen zu ermöglichen.

Daten, Diagnostik und Handlungsempfehlungen für eine wirksame Sprachförderstrategie

Im dritten Teil der Veranstaltung stand die Frage im Mittelpunkt, wie die gewonnenen Erkenntnisse zur Sprachentwicklung von Kindern künftig in konkrete politische und pädagogische Maßnahmen umgesetzt werden können. Unter dem Motto „Call to Action“ diskutierten Prof. Dr. Susanne Kuger vom Deutschen Jugendinstitut und Prof. Dr. Petra Stanat, welche Daten bereits vorliegen und welche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Sprachförderstrategie geschaffen werden müssen.

Prof. Dr. Susanne Kuger machte deutlich, dass Deutschland grundsätzlich über zahlreiche Daten zur Entwicklung von Kindern verfügt. Die Herausforderung bestehe jedoch darin, diese Daten sinnvoll zu nutzen und miteinander zu verknüpfen. Daten können verschiedene Funktionen erfüllen: Sie dienen der Beobachtung langfristiger Entwicklungen, der Beschreibung von Einrichtungen und Bildungsprozessen, der Erfassung individueller Lernfortschritte sowie der Diagnostik von Förderbedarfen.

Besondere Aufmerksamkeit widmete sie den Schuleingangsuntersuchungen, die in allen Bundesländern durchgeführt werden. Diese verfolgen mehrere Ziele. Zum einen sollen gesundheitliche und entwicklungsbezogene Auffälligkeiten einzelner Kinder erkannt werden. Zum anderen liefern sie wichtige Informationen über den allgemeinen Entwicklungsstand von Kindern vor dem Schuleintritt. Allerdings unterscheiden sich die Verfahren zwischen den Bundesländern teilweise erheblich. Die verwendeten Tests, Erhebungszeitpunkte und zusätzlich erfassten sozialen Hintergrundinformationen sind nicht einheitlich. Dadurch wird die Vergleichbarkeit der Ergebnisse erschwert.

Kuger betonte, dass die Schuleingangsuntersuchungen zwar wertvolle Hinweise auf sprachliche Förderbedarfe liefern können, jedoch keine umfassende Sprachdiagnostik darstellen. Häufig werden lediglich einzelne Bereiche wie Wortschatz, Satzbildung, Aussprache oder Sprachverständnis überprüft. Die komplexe Sprachentwicklung eines Kindes lässt sich damit nur eingeschränkt erfassen.

Gleichzeitig zeigte sie auf, dass die vorhandenen Daten für die Bildungsforschung bereits heute von großem Nutzen sind. Sie helfen dabei, Unterschiede zwischen verschiedenen Kindergruppen sichtbar zu machen, Zusammenhänge zwischen sozialem Hintergrund und Sprachentwicklung zu untersuchen und die Wirkung von Fördermaßnahmen zu bewerten. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Daten wissenschaftlich nutzbar aufbereitet und zugänglich gemacht werden.

Aus den vorgestellten Erkenntnissen leitete Prof. Dr. Kuger mehrere zentrale Forderungen ab. Erstens müsse die Datenerfassung in den Bundesländern stärker vereinheitlicht werden, damit Entwicklungen bundesweit vergleichbar werden. Zweitens sollten Sprachscreenings weiterhin vor allem als Instrument zur frühen Identifikation von Förderbedarfen genutzt werden und nicht als alleinige Grundlage für weitreichende Bildungsentscheidungen dienen. Drittens müssten die gewonnenen Erkenntnisse stärker in die Praxis zurückgespielt werden. Kitas, Schulen und Kommunen sollten Rückmeldungen erhalten, um ihre Angebote gezielt weiterentwickeln und Ressourcen dort einsetzen zu können, wo sie am dringendsten benötigt werden.
Viele Informationen über die Sprachentwicklung von Kindern vorhanden sind. Für eine wirksame Sprachförderstrategie braucht es jedoch bundesweit vergleichbare Daten, eine bessere Nutzung der vorhandenen Erkenntnisse und eine engere Verknüpfung von Forschung, Praxis und Bildungspolitik. Nur so können Fördermaßnahmen gezielt gesteuert und die Bildungs- und Teilhabechancen aller Kinder nachhaltig verbessert werden.

Datenbasierte Qualitätsentwicklung und der Übergang von der Kita in die Grundschule

Im vierten Teil der Veranstaltung stellte Prof. Dr. Petra Stanat, Direktorin und wissenschaftlicher Vorstand des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), die Frage in den Mittelpunkt, wie Daten und wissenschaftliche Erkenntnisse genutzt werden können, um die Sprachbildung wirksamer zu gestalten und den Übergang von der Kita in die Grundschule besser zu begleiten.

Zu Beginn verdeutlichte sie anhand aktueller Bildungsdaten, dass die Unterschiede in der Kompetenzentwicklung von Kindern bereits vor dem Schuleintritt deutlich sichtbar werden. Während sich diese Unterschiede in der Grundschule häufig fortsetzen, gelingt es bislang nicht ausreichend, Kinder mit besonderen Förderbedarfen frühzeitig und wirksam zu unterstützen. Die Folgen werden später sichtbar: Ein erheblicher Teil der Schülerinnen und Schüler erreicht am Ende der Grundschulzeit die Mindeststandards in den zentralen Kompetenzbereichen nicht.

Daraus leitete Stanat ihre erste zentrale These ab: Alle Bildungsbereiche tragen gemeinsam Verantwortung dafür, dass kein Kind zurückgelassen wird. Sprachförderung darf deshalb nicht erst in der Schule beginnen, sondern muss bereits in der frühen Kindheit ansetzen. Gleichzeitig müssen Förderbedarfe früh erkannt und anschließend gezielt aufgegriffen werden.

Ein Problem sieht sie in der großen Vielfalt der vorhandenen Fördermaßnahmen und Diagnoseverfahren. Zwischen den Bundesländern gibt es erhebliche Unterschiede bei der Sprachförderung, den eingesetzten Instrumenten und den Konzepten zur Unterstützung von Kindern. Zwar existieren wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, welche Förderansätze grundsätzlich wirksam sind, über die tatsächliche Qualität der Umsetzung im pädagogischen Alltag ist jedoch noch zu wenig bekannt. Selbst gute Programme entfalten ihre Wirkung nur dann, wenn sie in der Praxis konsequent und qualitativ hochwertig umgesetzt werden.

Stanat betonte daher die Bedeutung einer datenbasierten Qualitätsentwicklung. Daten sollten nicht nur gesammelt, sondern aktiv genutzt werden, um die Qualität von Bildungseinrichtungen weiterzuentwickeln. Nur wenn regelmäßig überprüft werde, wie Kinder sich entwickeln und welche Maßnahmen erfolgreich sind, könne gezielt nachgesteuert werden.

Ein wichtiger Ansatzpunkt sind dabei die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen. Diese könnten genutzt werden, um Kitas Rückmeldungen darüber zu geben, wie die von ihnen betreuten Kinder beim Schuleintritt abschneiden und in welchen Bereichen weiterhin Förderbedarf besteht. Solche Rückmeldungen könnten Einrichtungen dabei unterstützen, ihre pädagogische Arbeit zu reflektieren und weiterzuentwickeln.
Im Mittelpunkt ihres Vortrags stand zudem das Instrument "StaRs" (Standortbestimmung und Rückmeldung von Basiskompetenzen). Dieses wurde entwickelt, um zentrale Kompetenzen von Kindern beim Übergang von der Kita in die Grundschule systematisch zu erfassen. Dabei stehen insbesondere grundlegende Sprachkompetenzen im Fokus, die für einen erfolgreichen Bildungsweg entscheidend sind. Ergänzend werden auch mathematische Grundlagen sowie Aspekte der Motivation, Selbstregulation und sozialen Entwicklung betrachtet.

Ziel des Instruments ist es, frühzeitig diejenigen Kinder zu identifizieren, die besondere Unterstützung benötigen. Lehrkräfte erhalten auf dieser Grundlage konkrete Rückmeldungen über den Entwicklungsstand ihrer Schülerinnen und Schüler und können ihre Förderung entsprechend anpassen. Gleichzeitig ermöglichen die Daten Aussagen darüber, wie gut der Übergang zwischen Kita und Schule insgesamt gelingt.

Besonderen Wert legte Stanat darauf, dass die erhobenen Daten nicht nur auf individueller Ebene genutzt werden sollen. Ebenso wichtig sei die Nutzung für die Qualitätsentwicklung von Schulen und Kitas. So könnten Einrichtungen erkennen, in welchen Bereichen sie erfolgreich arbeiten und wo weiterer Entwicklungsbedarf besteht.

Dabei machte sie deutlich, dass Datennutzung allein nicht ausreicht. Rückmeldungen müssen immer mit professioneller Unterstützung, fachlichem Austausch und Weiterbildungsangeboten verbunden werden. Erst wenn Teams gemeinsam über die Ergebnisse reflektieren und konkrete Maßnahmen ableiten, können Daten tatsächlich zur Qualitätsverbesserung beitragen.

Langfristig sieht Stanat zudem die Möglichkeit, Ergebnisse aus der Schule wieder an die abgebenden Kindertageseinrichtungen zurückzumelden. Dadurch könnten Kitas besser nachvollziehen, wie gut sie Kinder auf den Schuleintritt vorbereiten und wie ihre Ergebnisse im Vergleich zu Einrichtungen mit ähnlichen Rahmenbedingungen ausfallen. Voraussetzung hierfür seien jedoch klare datenschutzrechtliche Regelungen sowie etablierte Verfahren der Qualitätsentwicklung.

Prof. Dr. Petra Stanat plädierte für eine konsequent datenbasierte Sprachbildungsstrategie, die den gesamten Bildungsweg von der Kita bis zur Schule in den Blick nimmt. Daten sollen dabei nicht der Kontrolle dienen, sondern als Instrument zur Qualitätsentwicklung und Förderung verstanden werden. Entscheidend ist nach ihrer Auffassung, dass Ergebnisse systematisch genutzt, pädagogisch reflektiert und durch passende Unterstützungsangebote begleitet werden. Nur so können Kinder frühzeitig gefördert, Bildungsungleichheiten verringert und der Übergang zwischen Kita und Schule nachhaltig verbessert werden.

Verfasst von Sascha Mößner, bevki-Sprecher